Kinder- und Sklavenarbeit in indischen Steinbrüchen
211 Millionen Kinder unter 15 Jahren arbeiten, 186 Millionen dieser Kinder unter ausbeuterischen Bedingungen. Diese Zahlen nennt die
Internationale Arbeitsorganisation in Genf (International Labour Organisation - ILO) in ihrem Bericht "Jedes Kind zählt" im Jahr 2002. Die ILO unterscheidet zwischen verschiedenen Formen der Arbeit: Zwischen leichter und geeigneter Arbeit auf der einen und ausbeuterischer Kinderarbeit auf der anderen Seite. Ausbeuterische Kinderarbeit sind alle Formen von Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft, Leibeigenschaft und Sklaverei, Missbrauch von Kindern zum Beispiel bei der Prostitution, Pornografie, beim Drogenhandel und alle anderen Arbeiten, die Gesundheit, Sicherheit oder Moral von Kindern gefährden. Ausbeuterische Kinderarbeit ist international verboten.
160 Staaten haben die neue
Konvention der ILO Nr. 182 gegen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit ratifiziert. 100 Millionen Kinderarbeiter sollen es allein in Indien sein.
Obwohl in Indien sowohl Kinderarbeit als auch Schuldknechtschaft nach internationalem und indischem Recht verboten sind, trifft man in indischen Steinbrüchen beides an. Leider sind Gesetze in Indien oft das Papier nicht wert auf dem sie geschrieben sind. Wie sollten auch Analphabeten auf dem Lande in Indien wissen, was eine Demokratie oder was ein Gesetz ist, wenn sie nicht einmal wissen, dass die Erde rund ist?
Ohrenbetäubender Lärm hallt von den Felswänden, der Staub macht das Atmen zur Qual, verklebt die Augen, verstopft die Lungen. Die sengende Hitze im Steinbruch ist kaum auszuhalten. Wer hier arbeitet, leistet Schwerstarbeit. In Lumpen gekleidet, barfuss und ohne Mundschutz bearbeiten auch Kinder die Steine. Es braucht die Kraft von mehreren, um den 45 Kilo schweren Presslufthammer halten und tiefe Löcher ins Gestein bohren zu können. Dann sprengen sie riesige Granitblöcke aus dem Fels. Kinder die den ganzen Tag diesem Lärm, diesem Staub und diesem Durchgeschüttelt werden ausgesetzt sind, haben eine Lebenserwartung von 35 bis 38 Jahren.
Immerhin, in Exportsteinbrüchen verdienen die Kinder häufig umgerechnet bis zu 80 Cent pro Tag. In manch anderem Steinbruch, besonders in denen, die für den indischen Markt produzieren, bekommen sie häufig gar nichts. Ihre Eltern haben sich Geld vom Besitzer geliehen - zu hohen Zinssätzen oder aber der Geldverleiher hat einfach auf dem Schuldschein ein oder zwei Nullen hinzugefügt und die weder lesen noch schreiben könnenden Schuldner unterzeichnen mit ihrem Daumenabdruck die Summe von 1.000.000 statt der erhaltenen 10.000 Rupien. Die Schulden steigen immer weiter, der Lohn der gesamten Familie wird niemals reichen, um sie abzubezahlen. So funktioniert Schuldknechtschaft. Eine Form der modernen Sklaverei.
Wieviele Kinder in den Exportsteinbrüchen arbeiten, weiß niemand. Es gibt weltweit keinerlei Statistiken oder Untersuchungen darüber - höchste Zeit, dass z.B. die ILO endlich mal eine derartige Studie in Auftrag gibt. Immerhin wurden in allen von mir ohne Anmeldung besuchten Exportsteinbrüchen Kinder gefunden - in keinem aber, wenn ich mich vorher angemeldet hatte oder man wusste, dass ich kommen würde. In den von mir unangekündigt besuchten Exportsteinbrüchen schwankte die Anzahl der Kinderarbeiter zwischen 10 und 66 Prozent, der Verband der indischen Steinexporteure AIGSA (All India Granit and Stone Assocciation mit Sitz in Bangalore) spricht von 5 bis 10% verbotener Kinderarbeit. Egal welche Zahl man nimmt - ein nicht hinnehmbarer Skandal!
Geht es Kindern schlechter, wenn sie nicht mehr arbeiten dürfen?
Oft wird man mit dem angeblichen Argument „Wenn wir den Kindern die Arbeit wegnehmen, müssen diese hungern und/oder es geht ihnen noch schlechter“ konfrontiert. Wenn wir in Deutschland mit der Abschaffung der Kinderarbeit (im 19. Jahrhundert) gewartet hätten, bis die Armut abgeschafft gewesen wäre, dann hätten wir sicherlich noch heute ausbeuterische Kinderarbeit in Deutschland. Auch wurde die Sklavenarbeit in den USA immer wieder damit gerechtfertigt, dass es den Sklaven viel schlechter gehen würde, wenn man ihnen die Freiheit geben würde. Und um ein Beispiel aus Indien zu benennen: Die Engländer begründeten ihre Weigerung, Indien in die Unabhängigkeit zu entlassen damit, dass es den Menschen dann schlechter ginge und sie verhungern würden. Alles hat sich als menschenverachtende Propaganda und als schlichtweg falsch erwiesen und schließlich zu der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte geführt. Diese wurden um Kinderrechte erweitert und die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen vom November 1989 ist von fast allen Ländern der Welt - bis auf Somalia und die USA, unterzeichnet.
In Indien hungern in der Tat Menschen und ganze Familien müssen arbeiten, um zu überleben – aber ist Kinderarbeit nun die Folge oder aber vielmehr der Grund für diese Situation? Auch wenn ich persönlich der festen Überzeugung bin (nach 64 Reisen durch Indien in den letzten 30 Jahren), dass Kinderarbeit ein Grund für diese Armutssituation ist, so kann unabhängig von einer „wissenschaftlichen“ Diskussion ganz klar konstatiert werden, dass Kindern im schulpflichtigen Alter, denen das Recht auf eben diese Schulbildung verwehrt wird, weil sie arbeiten müssen, wieder Kinderarbeiter „produzieren“ werden. Ein Teufelskreis aus dem es nur einen Ausweg gibt: Durchsetzung des Verbots von Kinderarbeit. Gleichzeitig muss allerdings das Schulsystem in Ländern wie Indien dringend verbessert werden. Leider wird immer mehr Geld in weiterführende Schulen und in Hochschulen investiert und die Grundschulbildung wird vernachlässigt. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder in Privatschulen, da die staatlichen Grundschulen in desolaten Zustand sind. Hier versuchen u.a. Hilfswerke auf eine notwendige Korrektur hinzuweisen und Beispiele dafür zu setzen, dass Grundschulbildung für alle möglich ist und von den Menschen auch gewünscht ist.
Zusammenfassend kann also gesagt werden: Es gibt keine Alternative zur Durchsetzung des Verbots von ausbeuterischer Kinderarbeit, denn grobe Menschenrechtsverletzungen und Unrechtszustände können zwar begründet werden, sind aber durch nichts zu rechtfertigen. Ebenfalls keine Alternative gibt es zum gleichzeitigen Ausbau des Lernangebotes. Damit ist das Scheinargument „Ich habe früher auch auf dem Feld der Eltern mitgearbeitet und dies hat mir nicht geschadet“ eindeutig ausgeschlossen, denn man könnte sofort zurück fragen: „Aha, Sie sind also Analphabet?“
„Aber wie sieht es dann mit dem finanziellen Verlust aus, der durch das Ausbleiben der Kinderarbeit entsteht?“ In fast allen Fällen arbeiten Kinder für wesentlich geringeren Lohn als die Erwachsenen. Wenn man also das Verbot der ausbeuterischen Kinderarbeit durchsetzt, müssen die Arbeitgeber Erwachsene einstellen, die sich nicht so leicht ausbeuten lassen und zumindest den staatlich garantierten Minimumlohn einfordern. Dieser reicht z.B. in Indien schon aus, dass sich die Familie vollwertig ernähren kann und die Kinder die Schule besuchen können. In den Fällen, mit denen ich in meiner Arbeit konfrontiert bin, erhalten die Kinder fast ausschließlich überhaupt keinen Lohn und müssen fiktive Schulden der Eltern und Großeltern abarbeiten (Schuldknechtschaft). Die genannte Frage stellt sich also überhaupt nicht.
Benjamin Pütter, Juli 2009