Zum Friedensnobelpreis von Kailash Sathyarti

Ein Interview von Petra Völzing mit Benjamin Pütter

Petra Völzing: In diesem Jahr stärkt der Friedensnobelpreis die Kinderrechte. Alle reden von der jungen pakistanischen Preisträgerin Malala Yousafzai, aber auch Kailash Satyarthi aus Indien wurde geehrt, warum?
1998 GM 088
Benjamin Pütter: Malala steht mit ihrem Engagement vor allem für das Recht der Kinder auf Bildung. In der Region ist aber auch das Thema Kinderarbeit und Kindersklaverei weiterhin virulent, das hat das Nobelpreiskomitee mit bedacht. Kailash Satyarthi setzt sich seit 35 Jahren für die Abschaffung der Kinderarbeit und die Befreiung von Kindern aus Sklaverei ein.
Sicherlich spielt auch eine Rolle, dass man einen Ausgleich schaffen wollte im weiterhin schwelenden Konflikt zwischen dem muslimischen Pakistan und dem hinduistisch dominierten Indien. Man darf dabei nicht vergessen: es handelt sich hier um Atommächte.

Völzing: Was genau sind die Verdienste von Kailash Satyarthi?

Pütter: 1980 gründete er die Organisation Bachpan Bachao Andolan (BBA). Ziel war es damals Kinder, die in der Teppichindustrie ausgebeutet wurden, in gezielten Aktionen zu befreien und damit auch politischen Druck auszuüben. Von ihm kam auch die Initiative zur Gründung des Teppichsiegels Rugmark, denn es war wichtig, dass die Menschen in den Abnehmerländern für die handgeknüpften Orientteppiche, vor allem Deutschland und USA, diese Teppiche nicht mehr kaufen. Mit dem Siegel bekam der Kunde die Möglichkeit zu überprüfen: Steckt in dem Teppich Kinderarbeit oder nicht. In diesem Zusammenhang lernten wir uns kennen, da auch ich im internationalen Vorstand von Rugmark war.
Weltweite Aufmerksamkeit bekam sein Engagement 1998 mit der Initiierung und Durchführung des Global March Against Child Labour (Weltweit aktiv für Kinderrechte). Hintergrund war, dass die ILO (International Labour Organisation in Genf) zu diesem Zeitpunkt eine neue Konvention gegen ausbeuterische, gesundheitsschädigende Kinderarbeit vorbereitete. Ich war damals sowohl vor Ort in Delhi als auch während des Marsches immer in enger Abstimmung mit Kailash aktiv und für die Wegstecke durch Deutschland hauptverantwortlich. Alle Forderungen der Initiatoren des Global March flossen in die Konvention 182 (Worst forms of Child Labour) ein. Damit gibt es seitdem einen wirkungsvollen internationalen Gesetzesrahmen gegen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit. Inzwischen haben 179 Staaten diese Konvention ratifiziert. Indien gehört im Übrigen zu den sechs Ländern, die das nicht getan haben.

Völzing: Teile der Friedensbewegung sehen die Vergabe des Friedensnobelpreises für Kinderrechte kritisch. Das sei kein Friedensthema, hört man und verweisen u.a. auf die Konflikte in Syrien und Irak, Westafrika, Palästina und in der Ukraine.

Pütter: Ich sehe das nicht so. Es war richtig mit der Entscheidung klarzumachen: Frieden ist ohne soziale Gerechtigkeit nicht denkbar! Kinderrechte sind Menschenrechte und ihre Einhaltung ist ein zentraler Baustein des globalen Friedensgedankens.

Völzing: XertifiX engagiert sich auch gegen Kinderarbeit. Gibt es eine Verbindung zu Kailash Satyarthi?

Pütter: Beim Aufbau von XertifiX war mir ganz im Sinne von Kailash wichtig, eine Klammer zu setzen zwischen den Produzenten der Natursteine in Indien und Verbrauchern in den Industrieländern. Letztere müssen erkennen können, dass z.B. ein Grabstein garantiert ohne Kinderarbeit hergestellt wurde. Dafür steht das XertifiX-Siegel. Insgesamt ist es uns natürlich wichtig, mit unserer Arbeit hier in Deutschland das Bewusstsein für zwei Dinge zu stärken:
– zum einen, dass es immer noch Kinderarbeit und Kindersklaverei in Südasien gibt,
– und zum anderen, dass diese nicht zu tolerieren ist.
Als wir begonnen haben wusste niemand, dass die Hälfte aller neuer Grabsteine, die in Deutschland aufgestellt werden, aus Indien stammt. Das hat sich geändert. Wir haben erreicht, dass nicht nur die Teppichindustrie als Hort der Kinderarbeit wahrgenommen wird, sondern auch die Steinindustrie.

Völzing: Was bleibt zu tun?

Kailash Satyarthi hat sich große Verdienste erworben, indem er das Thema Kinderarbeit international ins Bewusstsein gehoben hat. Seitdem hat sich vieles verbessert. Ein wenig in Vergessenheit ist allerdings geraten, dass die Kinder, nachdem sie aus der Kinderarbeit befreit wurden auch weiterhin Unterstützung brauchen, denn viele sind entwurzelt und können ohne Hilfe nicht in ein normales Kinderleben zurückfinden. Verbot ohne Hilfe ist zynisch. Am wichtigsten ist, diesen Kindern den Zugang zu guter, qualifizierender Bildung zu ermöglichen. Hier schließt sich die Klammer zu Malala Yousafzai. Schule ist der beste Arbeitsplatz und wir kümmern uns darum, die Kinder wieder in funktionierende Schulen zu integrieren, was in Indien gerade für Kastenlose (Dalits) bei Leibe keine Selbstverständlichkeit ist.

Petra Völzing ist freie Journalistin und arbeitet unter anderem für die Badische Zeitung in Freiburg.